Die Wurzen Studie

Im August 1990 reiste die Soziologin und Fotografin Dr. Cordia Schlegelmilch durch verschiedene Bezirke und Kreisgebiete der DDR auf der Suche nach einer Stadt, in der sie erforschen wollte, wie sich das Alltagsleben und die Lebensläufe der Menschen nach den Wendeereignissen verändern würden. Sie blieb in Wurzen, einer mittelgroßen sächsischen Kreisstadt östlich von Leipzig, und führte in einer außergewöhnlichen Langzeitstudie zum gesellschaftlichen und politischen Umbruch der DDR von August 1990 bis 1996 mit Menschen unterschiedlicher Milieus und Altersgruppen rd. 170 ausführliche biografische Interviews. Begleitend dazu dokumentierte sie den sichtbaren Umbruch in der Stadt fotografisch.

Nie wieder war bei den Wurzener Bürgern die Neugierde auf das Neue so ausgeprägt, die Gesprächsbereitschaft so groß und konnten Gespräche in dieser Offenheit stattfinden, wie in diesen ersten Monaten nach dem Mauerfall.

Fotografien - Eine andere Form des Erzählens

Kein anderes Medium kann das Bewusstsein von Vergänglichkeit so wecken wie die Fotografie. Als ich im August 1990 nach Wurzen kam, um eine Studie über den Wandel einer ostdeutschen Kreisstadt zu schreiben, hatte ich nicht nur Notizblock und Tonbandgerät im Gepäck, sondern auch meinen Fotoapparat. In Wurzen verbanden sich damals in eindrucksvoller Weise alte traditionelle Strukturen einer kleinen und kulturgeschichtlich interessanten Industriestadt mit Prägungen durch das DDR-System. Natürlich waren auch in Wurzen viele Gebäude verfallen oder bereits verschwunden, aber es gab doch auch vieles, was - gewollt oder ungewollt - von Abriss oder Rekonstruktion verschont geblieben war, seien es Fabriken der ersten Gründergeneration, alte Straßenzüge wie der Badergraben mit der alten Brauerei oder die zahlreichen noch deutlich sichtbaren Aufschriften an den Fassaden von ehemaligen Geschäften oder Veranstaltungsorten, die den Betrachter noch auf ihre Nutzung von vor 1945 hinwiesen. Auch die zahlreichen Plätze bildeten in Wurzen Anfang der 90er Jahre noch relativ geschlossene Ensembles. Ich wurde Zeugin einer städtischen Veränderung in atemberaubendem Tempo. Ohne kritische Absicht wollte ich das Authentische dieser Zeit festhalten, um auch später einen zweiten Blick auf die vergangenen Zustände zu ermöglichen. Als zeitgeschichtliche Dokumente zeigen die Fotografien, wie sich Altes und Neues, sei es behutsam, sei es dramatisch schnell, mischen. Mehr als drei Jahrzehnte nach der Öffnung der Grenzen ist der Blick auf die Fotografien ein anderer. Der historische Abstand bedeutet jedoch vielfach nicht wachsende Distanz, sondern ein Wiederentdecken von Vertrautem. Die Fotografien wollen einer verschwundenen Zeit weder nachtrauern noch diese verdammen, sondern an das erinnern, was dazu gehört. Sie sind, wie auch das andere in der Studie zusammengetragene dokumentarische Material, Bestandteil des Gedächtnisses einer Region. Die Unterschiede zu Heute sind bei einem Gang durch Wurzen offensichtlich. In Zusammenarbeit mit der Berliner Bildagentur Ullstein-Bild habe ich bereits 2015, also zum 25. Jahrestag des Mauerfalls, von meinen alten Standorten in Wurzen noch einmal fotografiert. Man kann die Motive von „Damals und Heute“ unten aufrufen, am Bildschirm ineinanderschieben und vergleichen.

Alle Fotografien © Dr. Cordia Schlegelmilch

Das Besondere ist, dass unterschiedliche Zeitzeugen aus ein und derselben Stadt über ihr bisheriges Leben in der DDR und die Ereignisse der Wendezeit sprechen. Daraus ergibt sich ein komplexes und zum Teil widersprüchliches Erzählpanorama, das einen einseitigen Blick auf die DDR-Vergangenheit verhindern soll.

Ausstellungen zur WURZEN STUDIE

2019
Städtische Galerie am Markt Wurzen - Ausstellung und Buch
"30 Jahre friedliche Revolution - Eine Stadt erzählt die Wende"
Downloads: Persönliche Worte zur Eröffnung / Laudatio von Wolfgang Ebert

Die Planung und Gestaltung der Ausstellung erfolgte in Zusammenarbeit mit Hendrik Krawen, der auch das Cover zum Buch entworfen hat.

2001
Städtische Galerie am Markt, Wurzen "Ankunft in O-725 Wurzen. Fotografien 1990–1996"

Video,
in dem der Berliner Dokumentarfilmer Erik Lemke die Atmosphäre an der Eröffnung der Ausstellung „30 Jahre friedliche Revolution – Eine Stadt erzählt die Wende“ in der Städtischen Galerie in Wurzen am 20. Oktober 2019 mit ihren Besuchern, Fotografien und begleitenden Worten auf eine sehr einfühlsame Weise festgehalten hat.

Blick in die Ausstellung 2019

Diese kollektive Erzählung vermittelt noch einmal eindringlich die unterschiedlichen Gefühle von Angst, Freude, Aufbruchsstimmung und Entschlossenheit aber auch Verbitterung und Enttäuschungen dieser Zeit, die für unsere Gegenwart wieder und noch immer von Bedeutung sind.

Wurzen-Publikationen von Dr. Cordia Schlegelmilch

„Deutsche Lebensalter. Erkundungen in einer sächsischen Kleinstadt“. In: PROKLA, Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Heft 91, 23. Jg. 1993, Nr. 2, S. 269-295.

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„Generationen im Gespräch.“ Frankfurt/M.: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE)/Pädagogische Arbeitsstelle des Deutschen Volkshochschul-Verbandes (DVV) 1994.

„Zwischen Kollektiv und Individualisierung - Gemeinschaftserfahrungen im Umbruch.“ In: Gensior, Sabine (Hrsg.) 1995. Vergesellschaftung und Frauenerwerbsarbeit. Ost-West-Vergleiche. Berlin: edition sigma, S. 27-50.

„Die politische Wende in der DDR am Beispiel der sächsischen Stadt Wurzen.“ In: Fischer, Alexander; Günther Heydemann (Hrsg.) 1995. Die politische "Wende" 1989/90 in Sachsen. Weimar, Köln, Wien: Böhlau, 117-146.

„Lebenswege in Deutschland. Die Prägekraft historischer Räume.“ In: Berliner Debatte - INITIAL, H. 2, 1996, S. 47-61.

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„Für das Volk oder mit dem Volk? Über die Schwierigkeiten mit der Demokratie in der sächsischen Kleinstadt Wurzen.“ In: Deutschland Archiv, Heft 4, 29. Jg., 1996, S. 535-542.

„Ich packe ein.“ In: Der Alltag, Nr.73 (Themenschwerpunkt Sammeln), September 1996, S. 105-122.

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„Ich packe ein. Ein Wurzener Sammelsurium - oder doch ein bißchen mehr?“ In: Müller, Manfred (Hrsg.). Rundblick Jahrbuch 1997. Aus Natur und Heimat des Muldentalkreises um Grimma und Wurzen. 43. Jg. Beucha: Sax-Verlag 1996, S. 116-125.

„Zu Tradition und Aufbauethos des 'neuen' alten Mittelstandes in Wurzen.“ In: BISS Public. Wissenschaftliche Mitteilungen aus dem Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien, H. 23/24, 1997, S. 115-140.

„Fanatiker der Heimat" - zwischen Collm und Mulde. Geschichte und Geschichten des RUNDBLICKS. In: Müller, Manfred (Hrsg.), RUNDBLICK Jahrbuch 1999. Aus Natur und Heimat des Muldentalkreises um Grimma und Wurzen, 45. Jg., Beucha: Sax Verlag 1998, S. 8-19.

"Fanatiker der Heimat". Der RUNDBLICK - eine ungewöhnliche Heimat­zeitschrift. In: Deutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland, 31. Jg., H. 6, 1998, S. 899-907.

„Biografie und Legitimität. Ergebnisse einer Gemeindestudie in Ostdeutschland.“ In: Miethe, Ingrid; Silke Roth (Hrsg.) 2000. Politische Biografien und sozialer Wandel. Gießen: Psychosozial-Verlag, S. 40-62.

„Jazz oder nie“ – Die Geschichte des Wurzener Jazzclubs (1978-1985). In: Wurzener Extrablatt Nr. 4, Sept./Okt. 2000, S. 7-10 (Teil I) und Nr. 5, Nov./Dez. 2000, S. 18 (Teil II), hrsg. vom Netzwerk für Demokratische Kultur e.V.

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„Wurzen beginnt mit W, das ist schon immer so gewesen. Zusammenleben in einer sächsischen Kreisstadt vor und nach 1989“, Teil 1: Methodische und theoretische Vorarbeiten einer empirischen Gemeindestudie. In: BIOS, H. 1/2004 (17. Jg.), S. 35-68.

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„Wurzen beginnt mit W, das ist schon immer so gewesen. Zusammenleben in einer sächsischen Kreisstadt vor und nach 1989“, Teil 2: Empirische Ergebnisse einer ostdeutschen Gemeindestudie. In: BIOS, H. 1/2005 (18. Jg.), S. 48-94.

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„Und da kann man nicht plötzlich volkseigen umdenken“ - Wirtschaften zwischen Gewinnorientierung und Verstaatlichung. Firmengeschichte eines Mittelständlers in der DDR. In: Historical Social Research, Vol. 30 – 2005 – No. 2, pp. 96-129.

„Sein Leben mitnehmen“, in: Kampfer, Angelika: Übergänge. Von der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, Wien-Köln-Weimar: Böhlau Verlag 2006, S. 10-17.

„Skeptische Neugier, Wurzen, August und November 1990“, in: Deutsche Kinemathek/Museum für Film und Fernsehen. Wir waren so frei … Momentaufnahmen 1989/1990, Berlin 2009, S. 100.

„Wurzen“ – Bildband aus der Reihe Wendezeiten. Erfurt: Sutton Verlag 2006 (2. Auflage 2010), vergriffen.

„Zeit ohne Bilder – Ein Widerspruch zur medialen Präsenz in der Zeit der Wende?“ In: Ziehe, Irene; Ulrich Hägele für das Museum Europäischer Kulturen – Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.), „Visuelle Medien und Forschung.“ Münster usw.: Waxmann 2011, S. 151 – 169.

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Konzeption und Lektorat der Familien- und Firmenchronik von Dietrich Hoffmann „Unternehmer in drei Wirtschaftssystemen. 12 Generationen des sächsischen Mittelstands im gesellschaftspolitischen und technischen Wandel vom 16. bis 21. Jahrhundert“. Wurzen 2014, Eigenverlag, 335 Seiten.

„Eine Stadt erzählt die Wende – 1989 Wurzen/Sachsen 1990 – Beucha-Markkleeberg: Sax Verlag 2019.

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Dr. Cordia Schlegelmilch, Soziologin / Fotografin

1972 Abitur am humanistischen Maximiliansgymnasium, München / 1972-1977 Studium im Bereich Philosophie und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin / 1979-1987 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) Berlin / 1986 Promotion mit einem Stipendium des WZB zum Thema "Taxifahrer Dr. Phil. - Akademiker in der Grauzone des Arbeitsmarktes" / 1987/88 Ausbildung an der „Werkstatt für Photographie“, Berlin; Assistentin bei einem Berliner Architekturfotografen mit Großformatkamera Sinar F2 / 1989 Mitarbeiterin bei der „Haller und Hoff Arbeitszeitberatung“, Berlin / 1990 – 1996 Selbständige Arbeit an der soziologischen Gemeindestudie zur biografischen Verarbeitung der „Wende“ in der sächsischen Kleinstadt Wurzen mit begleitender Fotografie / 1990 – 2020 Selbständige Architektur- und Baufotografin; parallel dazu Weiterarbeit an der soziologischen Gemeindestudie im sächsischen Wurzen

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